Nach einer namenlosen Anzahl von Tagen

Erzählung von Christoph Peters,
veröffentlicht in dem Katalog „Terra“, Martina Altschäfer, April 1014

Nach einer Anzahl namenloser Tage

Keiner von ihnen wußte, was damals geschehen war. Anfangs behauptete Mika, daß es Jahre, Monate, vielleicht auch nur Stunden vorher, Warnungen gegeben hatte, etwas Schreckliches werde geschehen, Meteoriteneinschläge in Folge eines kosmischen Bebens, der Einsturz der Atmosphäre. Dann hatte die Farbe des Himmels plötzlich, mitten an einem warmen Sommertag von hellem Blau zu opakem Violett gewechselt, es war totenstill geworden, ehe die große Dunkelheit sich über Städte und Landschaften ausbreitete, als hätte die Sonne ihr Gesicht abgewandt. Der Mond und die Sterne verschwanden, wenig später erloschen alle Lampen, Laternen, Leuchtstoffröhren. Die Menschen mühten sich, Feuer zu entzünden, doch die Zusammensetzung der Luft hatte sich verändert, so dass nichts mehr brannte. Was sie auch versuchten, keine Flamme flackerte auf, nicht einmal Funken ließen sich schlagen. Eine Decke aus Finsternis umhüllte die Erde. Darunter fanden unvorstellbare Umwälzungen statt, doch es gab niemanden, der sie bezeugen konnte. Sehr viel später, als dort, wo einmal der Süden gewesen war, eine Art fahler Dämmer aufging, hatte nichts von den Dingen des Früher überdauert. Die Gebäude waren zu Schotter und Staub zerfallen, aus dem hier und da Stahlskelette, Reste von Mauern, abgerissene Kabelstränge ragten. Etwas, das dem Gras ähnelte, aber weicher war und von einer Wärme wie Haut, wucherte vielerorts aus Schutt, verödeten Flächen. Fremde Arten Buschwerk brachen hervor, deren Formen den Pflanzen des Regenwaldes ähnelten statt den kargen Gewächsen nördlicher Forste, breiteten sich mit lautloser Geschwindigkeit aus, wie Krakenarme, die über zerklüftete Riffe glitten. Eine Art neuer Schöpfung hatte begonnen, beinahe geräuschlos, nur hier und da ein Rascheln oder Schaben von weichen Oberflächen, die sachte gegeneinander rieben. In dieser unbekannten Welt hatten sie die Augen aufgeschlagen, Mika, Kirai, Ulan, Sinje, Aylin, Lara, Ruth. Sie hatten einander angesehen und nicht gewusst, ob sie zuvor schon verbunden gewesen waren, an welchem Ort, auf welche Weise. Sie hatten sich aufgerichtet, waren zögernd, aber ohne Furcht aufeinander zugegangen. Erst jeder für sich, dann gemeinsam hatten sie nach Wörtern mit vertrautem Klang gesucht, die noch dieselbe Bedeutung besaßen wie in der Erinnerung, hatten sie vorsichtig über die Lippen gebracht: „Haar“, „Mund“, „Baum“, „Wasser“, „Erdreich“. „Gib mir deine Hand“, hatte Aylin zu Ruth gesagt. „Es ist warm, obwohl die Sonne nicht scheint“, Ruth. „Wie nennen wir das, was an die Stelle des Himmels getreten ist“, hatte Mika gefragt. Darauf war ein langes Schweigen gefolgt. Die Zeit, die seither vergangen war, ließ sich nicht bemessen. Zwischen Tagen und Nächten bestand kein wahrnehmbarer Unterschied, weder gab es Wetterwechsel noch Jahreszeiten. Nachrichten aus anderen Dörfern, Städten, Ländern gelangten nicht zu ihnen – wenn es überhaupt andere Dörfer, Städte, Länder gab. Die Gegend, in der sie sich befanden, glich kaum mehr den immer verschwommeneren Bilder des Früher in ihrem Gedächtnis. Die alten Kommunikationsmittel und Datenwege waren zerstört, und allmählich verblasste auch die Erinnerung an all die Gerätschaften und Abläufe, die das Leben der Menschen vor der großen Dunkelheit bestimmt hatten. Die Sehnsucht nach einem lichteren Ort verlor sich ebenso wie die namenlose Trauer über die, die mit ihnen dort gewesen und zurückgeblieben waren, ohne irgend eine Spur ihrer Auslöschung zu hinterlassen. Mehr und mehr gewannen Zweifel die Oberhand, ob es überhaupt eine Zeit vor der Dunkelheit und sie selbst in ihr gegeben hatte.„Vielleicht waren es Träume“, sagte Ruth. „Aber jemand muss uns geboren haben,“ Sinje. „Wahrscheinlich hat uns das Erdreich hervorgebracht“, Ulan. Sie hatten keine drängenden Wünsche und keine Ziele, die sie erreichen wollten. Ohne Not gingen sie hierhin und dorthin, kamen weder dem Horizont näher, noch gelangten sie in anders geartete Gegenden: Überall der gleiche Anblick wuchernder Vegetation, in deren Gefolge schöne und einfache Lebewesen aus: Insekten, Reptilien, Vögel. Essbare Früchte mit angenehmem Geschmack wuchsen an Bäumen und Sträuchern, das Wasser in den Bächen war würzig und süß, so dass niemand je Hunger oder Durst litt. Sie lagerten in offenen Hainen, flochten Schnüre aus Pflanzenfasern, verbanden sie mit dicken Zweigen zu Hängematten und Schaukeln, die sie an kräftigen Ästen befestigten. Im endlosen Vor und Zurück sprachen sie vertraute Sätze, aus denen nichts folgte. Die Lust, wenn sie einander berührten, ineinander drangen, war unbeschwert, kein Schatten aus Eifersucht oder Neid fiel darauf. Hätte es etwas wie Unglück gegeben, wäre ihr Leben das Glück gewesen, so aber zog es bloß widerstandslos dahin. Trotzdem blieb ein Unruhe. Und sie wuchs. „Wir müssen vor dem Jetzt gewesen, sonst wüssten wir nicht, was wir wissen“, sagte Mika. „Aber wir wissen doch nichts“, Ruth.

„Wir beherrschen die Namen der Dinge und alte Spiele. Wir greifen nach dem Eßbaren und tasten das Ungenießbare nicht an,“ sagte Sinje.
„Jeder von uns kennt die Rufe des Tigers, obwohl keiner ihm begegnet ist“, Kirai. „Früher haben wir ihn gefürchtet, jetzt nicht mehr“, Ruth.
„Ich will wissen, was war, warum es nicht mehr ist und wie es anders sein könnte“ sagte Mika.
Der Satz hallte nach. Er schlug einen Haarriss in die versiegelten Flächen ihres Innern, im selben Moment drang etwas ein, das bis dahin nicht oder nicht mehr vorhanden gewesen war.
Ruth spürte es zuerst und deutlicher als die anderen. Sie erschrak, wie sie sich nie erschrocken hatte, seit sie die Augen geöffnet hatte. Mitten im sanftesten Schaukeln griff sie nach einem Ast, hielt die Bewegung mit einem Ruck an, sprang hinunter, ohne zu wissen, was sie jetzt tun sollte. Nur dass sie fort musste, stand fest – wohin auch immer.
„Was ist mit dir?“ rief Kirai.
Sie antwortete nicht.
„Laß sie, ich habe das Falsche gesagt“, sagte Mika.
„Das hast du“, sagte Ruth. „Und es gibt kein Zurück. Alles hat sich von Grund auf verändert.“
Ulan und Lara sahen einander in die Augen, gaben sich die Hand. Aylin liefen Tränen die Wangen hinunter.
„Früher oder später musste etwas passieren“, sagte Mika.
Sinje nickte.
„Sieben sind zu viele“, fuhr er fort, „als daß sie auf immer ein Herz und eine Seele hätten sein können. Wenn ihr mich fragt…“
„…dich fragt niemand mehr“, schrie Aylin.
„… wir waren längst ein Lügengespinst. Jetzt ist es offenbar geworden. Etwas Neues beginnt, ob ihr es wollt oder nicht.“
Ruth lief zum Rand der Lichtung, warf sich auf den Boden und verschwand mit der Geschwindigkeit einer Echse im Unterholz. Die Stimmen, die nach ihr riefen, klangen bald nur noch aus weiter Ferne herüber. Rings herum krabbelten Käfer, flatterten Schmetterlinge in tausend Farben. Agamen, Warane, Chamäleons aus Türkis, Rubin, Smaragd huschten über ihre Arme. Schlangen, deren Häute schimmerten wie dunkles Metall, schmeckten züngelnd die Veränderung der Salze auf ihrer Haut. Erstmals seit dem Tag, als ihre Erinnerung einsetzte, spürte Ruth Unbehagen angesichts der fremden Wesen. Die Fraglosigkeit zerbröckelte wie trockener Lehm, wenn die Hand sich zur Faust schloss. Sie kauerte in einer Mulde, senkte den Kopf, schlang die Arme um ihre Knie. In dieser Haltung wollte sie bleiben. Die Pflanzen sollten sie überwuchern, kleine Vögel ihre Nester, riesige Spinnen ihre Netze rings herum bauen, dass keiner sie je wieder fände.
Bei den anderen, am letzten gemeinsamen Lagerplatz, herrschten Ohnmacht und Schmerz.
Lara hielt Ulan umklammert, Aylin schluchzte.
„Wir waren seit Anbeginn zusammen. Wenn wir uns trennen, wird sich keiner mehr auskennen“, sagte Kirai.
„Nichts kann zurückgenommen werden“, sagte Mika. „Das Band ist zerschnitten.“
„Weiß denn einer, wie man in den Unterscheidungen lebt“, fragte Sinje.
„Dort draußen lauert das, was wir nicht kennen. Solange wir es nicht kannten, konnte es uns nichts anhaben. Jetzt sind wir ihm ausgeliefert“, sagte Lara.
„Wer weinen will, soll weinen, wem nach Zittern ist, der zittere.“
„Du hast uns geopfert, weil der dunkle Wille über dich herrscht“, flüsterte Aylin.
„Bleibt, wo ihr seid, vergeht vor Angst“, fuhr Mika fort. „Niemanden kümmert das. Auch wenn ihr es nicht wahrhaben wollt: Um uns herum herrscht nichts als überbordende Leere. Wir haben sie für ein nach Maß und Schönheit geordnetes Ganzes gehalten, erschaffen von guten Mächten zu unserem Wohl. Das war eine Täuschung. Fortan spielt es keine Rolle mehr, ob ihr zu zweit oder zu siebt oder Tausende seid: Jeder steht für sich, ganz gleich wie eng ihr zusammenrückt.“
„Was wirst du tun?“ fragte Sinje.
Am Horizont erhob sich ein sirrendes Geräusch, zusammengesetzt aus Millionen Lautpartikeln, näherte sich, schwoll an, nahm ab, schwoll an, als in sich bewegter Schatten dehnte es sich aus, zog sich erneut zusammen, kam näher, füllte weite Teile des oberen Raums….
„Es sind Vögel“, rief Mika, „nur Vögel auf dem Weg von hier nach dort.“
Ein gewaltiges Rauschen, das jedes Wort übertönte, zog über sie hinweg.
„So ist es ab jetzt“ sagte Lara, als die Stille zurückgekehrt war. „Wir werden nie wieder sicher sein.“
„Habt ihr es noch nicht verstanden?“ sagte Mika. „Endlich können wir etwas tun, das zählt. Uns hält nichts mehr.“
Er sprang auf, griff nach einer der glatten Holzstangen, mit denen sie unbeschwerte Tanzspiele gespielt hatten, ließ sie über seinem Kopf kreisen, so kraftvoll und schnell, das die Luft erzitterte.
„Hör auf damit, hör auf!“ schrie Aylin.
„Ich werde weiter fortgehen, als die Welt sich in der größten eurer Vorstellungen ausgedehnt hat. Ich werde kämpfen und töten, bis das Wissen um das Verborgene sich mir enthüllt. Und ich werde Nachkommen haben.“
„Ich gehe mit dir“, sagte Sinje.
„Erst müssen wir Ruth finden“, sagte Ulan. „Sie ist verloren allein.“
„Es gab keinen Grund fortzulaufen, es ist ihre Sache.“
„Sie gehört zu uns“, sagte Kirai.
„Dann ist es entschieden: Ab jetzt sind wir getrennt. Nichts was ihr tut, kümmert mich noch.“
Näher als je zuvor hörten sie jetzt das Brüllen des Tigers. Erstmals erfüllte es keinen von ihnen mit freudigem Schauder.
Mika drehte sich um, schlug mit seinem Stab eine Bresche in die Wand aus Stämmen, Zweigen, Laub. Holz barst, Echsenfüße, Schmetterlingsflügel, Schlangenköpfe wurden umhergeschleudert,  er wütete und tobte, ächzte und schrie, dann endlich tat sich eine Öffnung auf, durch die er aufrecht gehend verschwand.
„Ich bin mit Mika“, sagte Sinje und folgte ihm nach.
Ruth saß regungslos, seit sie ihren Platz gefunden hatte. Als zwei schwarze Punkte inmitten glühenden Bernsteins sie durch Blätter und Zweige ansahen, lächelte sie. Beinahe lautlos schob die Pfote das Astwerk zur Seite, der warme Atem des Tiers berührte ihre nackte Schulter.
Nachdem sie die ausgedehnten Wälder der Ebene hinter sich gelassen hatten, erreichte Mika mit Sinje kühlere Gegenden. Auf Grassteppen folgten zerklüftete Felstermassive, die in schneebedeckte Höhenzüge übergingen. Sie fanden Steine, aus denen sich Funken schlagen ließen, lernten, wie man Reisig entzündet. Sinjes Bauch wölbte sich, ihre Brüste waren prall. Sie gebar eine Tochter und nannte sie „Nur“, das heißt „Licht“. Alles begann von vorn.

Christoph Peters, 2014